Auf der Intensivstation

von   6 Kommentare

Wir sind nun schon wieder etwas mehr als eine Woche zurück in Saudi. Wider unserer Planung wurden aus den vier Wochen, fünf Wochen Urlaub.

Schon bevor wir in die USA für unseren „eigentlichen“ Urlaub aufbrachen, musste ich mich damit beschäftigen, dass auf meinen Vater eine größere Operation zukam, deren Ablauf und Konsequenzen im Ungewissen lag.

Es ging um die Bauchspeicheldrüse und eine Verwachsung. Für die meisten dürfte die Kombination aus Verwachsung und Bauchspeicheldrüse schon ein ungutes Gefühl auslösen. Und so bereiteten auch die Ärzte sich darauf vor, dass sie die Diagnose Krebs stellen würden. Wider erwarten war es dann aber kein Krebs, sondern „nur“ eine gutartige Verwachsung. Nichts desto trotz war es eine 6-stündige OP.

Wie es Vorweg immer heisst, sind OPs grundsätzlich mit Risiken verbunden und so kam es auch hier. Es lief nicht wie geplant. Im Gegenteil, es kam zu mehreren kritischen Situationen und es folgte ein künstliches Koma, um ihn zu stabilisieren.

Wir kamen also zurück aus den USA, nur um direkt vor der Situation zu stehen, unsere Abwesenheit aus Saudi, ungeplant um eine Woche zu verlängern. Glücklicherweise war das seitens der Verpflegung der Katzen, mit der Firma und zuletzt mit der Lufthansa kein Problem.

Kurz drauf fanden wir uns also in Deesen wieder und ich musste mich erstmals mit dem Gang auf eine Intensivstation zum Besuch eines nächsten Verwandten auseinander setzen. Ich muss zugeben, darauf war ich nicht vorbereitet. Mir war auch bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich meinen Vater bis zu diesem Zeitpunkt noch nie wirklich krank oder gar in einer kritischen Situation erlebt hatte. Gut, wer kann das im Alter von 30 Jahren schon von sich behaupten. Ich hoffe die meisten nicht. Vermutlich ist man darauf eh nie vorbereitet.

Aber wie angedeutet, es traf mich unvorbereitet und sehr heftig, meinen Vater da auf diesem Bett, umgeben von den ganzen Apparaten für die Medikation, der Beatmungsmaschine und Kreislaufüberwachung (inklusive toller Kurven für Herz, Puls und Blutdruck…) zu sehen. Dazu noch der Schlauch im Mund zur Beatmung… glücklicherweise scheint dieses Klischee mit dem „Piep, Piep, Piep….“ für den Herzschlag nicht zu stimmen und die Überwachung lief einzig per Display und entsprechenden Alarmen. Denn ich ertappte mich bei den Besuchen öfter dabei, immer wieder auf die Kurven und Zahlen zu achten und mir rutschte mehr als einmal das Herz in die Hose, wenn mal ein Wert einen Ausreisser nach unten oder oben machte.

Zum Ende unseres verlängerten Deutschland-Aufenthalts konnten dann die Narkotika und Kreislaufmedikamente aus der Behandlung rausgenommen, er aufgeweckt und sogar die Beatmung eingestellt werden. Wir konnten uns also austauschen, auch wenn das Sprechen nach etwas mehr als einer Woche Beatmung sichtlich schwer und frustrierend war. Wir stellten uns also darauf ein, dass wir relativ entspannt zurück nach Riyadh fliegen konnten.

Leider wurden wir am nächsten Morgen aus dem Krankenhaus angerufen, dass sie meinen Vater zwei mal hatten wiederbeleben müssen und sein Zustand auch weiterhin kritisch sei. Nun gut, das dauerhafte Verbleiben auf der Intensiv-Station ist ja schon nicht ohne, aber Wiederbelebung ist definitiv eine andere Hausnummer. Es hieß in gewissem Sinne also wieder zurück auf Anfang. Beatmung, Kreislaufmittel und künstliches Koma.

Und für uns hieß es natürlich entscheiden. Entscheiden ob wir uns wenige Stunden später, um einige Tausend Kilometer entfernen würden. Mittlerweile waren wir mit 5 Wochen auch schon sehr lange unterwegs und damit immer irgendwie, irgendwo Gast – einfach nicht zu Hause. Neben der gesundheitlichen Situation meines Vaters, der inneren Unsicherheit wie es weitergeht, noch ein weiterer Aspekt, der sich sehr auf die Entscheidung auswirkte.
Nach Aussagen der Ärzte, gab es effektiv keine Aussage. Weder eine Schätzung, wie es weitergehen könnte, geschweige denn eine zeitliche Prognose.

Ich entschied dann, dass wir fliegen würden. Und so wurden wir dann von meinen Schwiegereltern, nach dem Hinbringen auch wieder von meinem Vater abgeholt und zum Flughafen gebracht. Die Entscheidung dürfte eine der schwersten gewesen sein, die ich bisher treffen musste.

Mittlerweile ist er auf dem Weg der Besserung. Beatmung und Medikamente konnten so gut wie eingestellt werden. Die Beatmung läuft auch über, den landläufig als Luftröhrenschnitt, genannten Weg, was aber bedeutet, dass das Sprechen weiterhin nicht möglich ist. Ich hoffe ich kann bald (eher in Wochen gerechnet) wieder Worte mit ihm wechseln.

Von hier aus nochmal vielen Dank an meine Schwiegereltern für das Umwerfen ihrer Pläne und den Fahrdienst. Ihr habt mir im Speziellen damit einen großen Balast, um den ich mich sonst hätte kümmern müssen, abgenommen. Danke außerdem an meine Mutter fürs „Da-Sein“. Hat mir ebenfalls viel geholfen.


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6 Kommentare zu “Auf der Intensivstation”

  1. Sylvietta Germany WordPress   am:

    Bin in Gedanken bei euch. Liebe Grüße aus München


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  2. Andi Germany WordPress   am:

    Danke, tut gut zu hören, auch wenn ich im Moment hoffe, dass wir das schlimmste hinter uns haben.


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  3. Sylvietta Germany WordPress   am:

    ja das wünsche ich euch auch!!!!


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  4. Stefan Germany Safari Mac OS   am:

    Dazu die richtigen Worte zu finden ist nicht ganz leicht. Ich drück deinem Vater aber die Daumen!


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  5. Matthias Germany Opera Linux   am:

    Beim Durchlesen dieses Posts war ich merklich angespannt… ich bin heilfroh, dass das Ganze letztlich doch gut auszugehen scheint. Ich lege nicht meine Hand dafür ins Feuer, dass ich in deiner Situation mich für den Rückflug hätte entscheiden können – Hut ab.

    IMHO ist es außerordentlich mutig, so ein Erlebnis hier zu schreiben.

    Ich wünsche deinem Vater eine gute Genesung. Und noch viele „diem“, die ihr „carpen“ könnt.


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  6. Andi Saudi Arabia Mozilla Firefox Windows   am:

    Stefan, was sind schon „richtige“ Worte. In jedem Fall Danke!
    Matthias, was den Rückflug angeht: leicht war die Entscheidung, wie beschrieben, definitiv nicht. Denke, du kannst dir vorstellen was da auch noch hineinspielte….
    Ich halte einen offenen Umgang mit sowas für sehr wichtig. Mir ist aber auch bewusst, dass das nicht für jeden etwas ist oder es manche auch nicht verstehen, wie man sowas „öffentlich“ schreiben kann.
    Primär ging es mir auch eher darum, meine Wahrnehmung/Gefühle in dieser Situation zu beschreiben (vielleicht auch um selbst damit umzugehen). Um das zu tun war die rahmenhafte Beschreibung der Situation rund um den Zustand meines Vaters notwendig. Vieles habe ich natürlich auch weggelassen.


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