
Allein schon die Gesichtserkennung von iPhoto unter Mac OS X ließ mich immer neidisch auf die Konkurrenz schielen. Entsprechend begeistert war ich von der Ankündigung, dass dies mit Picasa 3.5 auch bei der Fotoverwaltung aus dem Hause Google Einzug hielt. Man kann die Gesichtserkennung nun also auch offline nutzen 
Dabei gab es Gesichtserkennung seitens der Picasa Webalben schon seit September 2008, aber wer will schon alle seine Bilder bei Google abladen, nur um die Gesichter erkennen zu lassen. Bei Namics.com findet sich auch ein kleiner Test zu den Picasa Webalben
Offiziell gibt es noch kein Picasa 3.5 für Linux, so dass man sich händisch behelfen muss. Im Grunde ist es eine Installation ins Homeverzeichnis mit nachfolgendem Umzug in das systemweite /opt. Eine genaue Anleitung zur Installation von Picasa 3.5 unter Ubuntu findet sich bei OMG ubuntu.
Gesichtererkennung und Wiedererkennung
Hat man in Picasa angegeben welche Ordner gescannt werden sollen, werden diese durchgegangen und nach Gesichtern gescannt. Im ersten Schritt werden diese Gesichter im Ordner “unknown Faces” aufgeführt. Dabei handelt es sich um einen temporären Ordner, der verschwindet, sobald man alle unbekannten Gesichter zugeordnet oder als ignoriert markiert hat. Dabei ist die Gesichtserkennung super, hat manchmal aber auch lustige Fehler. So wurden zum Beispiel Brunnen als Gesicht erkannt. Dass Gesichter auf Plakaten und Gemälden identifiziert wurden ist dagegen wieder Ansichtssache und eher im Bereich der Semantik einzuordnen. Interessant fand ich Picasas Fähigkeit Gesichter über die Zeit wieder zu erkennen. Mir wurde mehrfach ein bekanntes Gesicht im Babyalter, in einem anderen Ordner korrekt als Gesicht Kleinkindalter vorgeschlagen.
Die unbekannten Gesichter können optional zu gleichen Gesichtern gruppiert werden und sind dann schnell auf einen Schlag einer Person zuorndbar. Diese Gruppierung funktioniert wieder erstaunlich gut. Ingesamt kann man auch festhalten, dass der gesamte Erkennungsprozess sehr flott abläuft. Meine mehreren tausend Bilder wurden in einigen Stunden gescannt und dabei ~6000 Gesichter erkannt.

So gut wie diese Gruppierung funktioniert so erstaunlich ist es, dass eigentlich bekannte Gesichter gruppiert als unbekannt auftauchen. Die Wiederkennung lässt also noch zu wünschen übrig. Schwierigkeiten hat Picasa leider auch mit gedrehten Gesichtern. Ab einem gewissen Winkel werden diese nicht mehr erkannt. Rein logisch betrachtet auch kein Wunder, würde die Einbeziehung einer Rotation die möglichen Gesichter in einem Bild auch ver-x-fachen. Schade ist es dennoch, dass nicht zumindest das auf dem Kopf stehen oder eine einfache Rotation um 90 Grad nach links oder rechts in die Erkennung eingebaut wurde.
Die Oberfläche
Hat man den Scanprozess abgeschlossen, folgt in der Regel eine Massennachbearbeitung. Zum einen wollen, die erkannten Gesichter zugeordnet werden und zum anderen uninteressante ignoriert werden. Hierbei fehlt es bei der Betrachtung eines einzelnen Bildes an einem “Alle Gesichter ignorieren” Knopf und man muss jedes einzelne Gesicht ignorieren. Gerade bei Bildern aus dem Urlaub, oder auch Bildern von Demos (;)) eine nervige Angelegenheit.
Außerdem fiel mir auf, dass es beim Ignorieren scheinbar auch einen Bug gibt und manche ignorierten Gesichter immer wieder auftauchen. Zumindest in der Übersicht. In der Einzelbildansicht sind diese dann verschwunden. Auf die Einstellung beim Foldermanager, also ob der Ordner nur einmal oder immer gescannt werden soll, konnte ich diesen Fehler leider auch nicht, wie ursprünglich vermutet, eingrenzen. Und so wird dieser Fehler vor allem bei der reihenweisen Ignorierung von Gesichtern auch zu einem nervigen Problem. Fängt man beim ersten Gesicht an, sich dieses im Einzelbild anzusehen, zu bennen oder ignorieren und geht mit Cursor nach rechts zum nächsten Bild, tauchen die Bilder, auf denen laut Übersicht noch unbekannte Gesichter zu finden sind, immer wieder auf und man muss sie entsprechend immer wieder überspringen.
Personen händisch markieren

Picasa bietet auch die Möglichkeit an, Personen im Bild zu markieren, die es selbst nicht erkannt hat. Beispielsweise wenn die Person mit dem Rücken zur Kamera stand oder wie eben erwähnt, das Gesicht gedreht ist. Allerdings ist der Ablauf hier auch inkonsistent und wäre aber eine Überarbeitung bzw. Erweiterung wert. Der Knopf um eine Person zu markieren taucht grundsätzlich da auf, wo man ihn erwartet: In der Einzelbildansicht rechts unter den bereits markierten Gesichtern. Dies aber nur dann, wenn man sich ein konkretes Album ansieht. Befindet man sich im unbekannte Personen Album, dann ist der Knopf schlicht nicht vorhanden. Eigentlich unverständlich, da man beim Prüfen der erkannten Gesichter ja grade dabei ist, Personen zu markieren und es somit Sinn machen würde zu diesem Zeitpunkt auch nicht gefundene Personen zu markieren. Somit muss man also zuerst die unbekannten Gesichter durchgehen und kann erst in einem zweiten Durchlauf durch die eigentlichen Alben Fehlende markieren.

Die nachträgliche Markierung einer Person ist im ersten Moment ordentlich gelöst, würde aber auch eine Nachbesserung vertragen. Man erhält man beim Klick auf den Knopf einen Kasten im Foto, den man verschieben kann, um die Person zu markieren. Allerdings ist der meist zu groß oder zu klein, aber selten passend und kommt somit oft nicht drum rum den Kasten in der Größe anzupassen. Viel defizile Klickarbeit.
Geschickt wäre man erhielte einfach ein wie auch immer veränderten Cursor, mit dem man dann einfach den Kasten um die Person/das Gesicht zieht und nach dem Loslassen der Maustaste wäre es dann noch super, würde der Cursor direkt in den Namensgebensbereich springen. Somit könnte einfach drauf losgetippt und mit Enter die Benennung abgeschlossen werden.
Immerhin springt der Cursor bei der aktuellen Implementierung nach dem Verschieben und einem einfachen Klick in den Kasten auch in das Namensfeld. Nicht optimal, aber benutzbar.
Die Benutzung des Namenseingabefeldes ist leider auch nicht konsistent. Kann man in der Personenansicht mit einem Doppelklick in das Namensfeld springen, muss man in der Albumansicht explizit in das Namensfeld klicken. Möchte man die Benennung abbrechen ist dies gelegentlich mit ESC möglich, was auch wieder einen inkonsistenen Eindruck hinterlässt.
Zusammenfassend: Picasa sollte keinen Kasten bei der Personenmarkierung vorgeben, nach dem Markieren, in das Namensfeld springen, sowie das Namensfeld markieren auch in der Albumansicht mit Doppelklick ermöglichen.
Abgesehen davon ist es sehr praktisch, dass man sich aus einem reingezoomten Bereich mit ESC zum kompletten Foto zurück begeben und mit einem weiteren ESC die Albumansicht erreichen kann. An diesen Ablauf gewöhnt man sich schnell und sucht ihn dann in anderen Anwendungen wieder.
Befindet man sich bei den gruppierten unbekannten Gesichtern, kann man ein Gesicht markieren mit Tab in das Namensfeld unter dem Bild springen, den Namen eintippen und mit Enter auswählen. Bei einer neuen Person lässt sich im Auswahl Dialog auch mit Tab “New Person” markieren und mit Enter die Eingabe abschliessen. Einer Massenbenennung steht durch den gut durchdachten Ablauf also sowohl für Maus als auch Tastatur Benutzer nichts im Wege
Bei der Anlage einer neuen Person muss man darauf achten, dass der Haken für die Synchronisation mit den Webalben deaktiviert ist, will man die Profilfotos der Personen nicht an Google übergeben.
Im Unterschied dazu ist die unbekannte Gesichter Übersicht ohne Gruppierung inkonsistent: man hat dabei unter dem Gesicht keine Namenseingabe, dafür aber oberhalb der Übersicht. Der Sprung dorthin ist immerhin mit Tab möglich, so dass die Bearbeitung genauso geht, auch wenn die unnötig geänderte Ansicht stört.
Etwas blöd ist allerdings, dass man aus der unbekannte Gesichter Übersicht mit einem Doppelklick auf ein Gesicht zum entsprechenden Foto im jeweiligen Album springen kann, dies der Personen Liste rechts aber nicht möglich ist. Diese fehlende Funktion merkt man manchmal und das nervt etwas. Außerdem zeigt die Liste rechts auch Ausfallerscheinungen, da die Autovervollständigung bei der Namensgebung unregelmäßig nicht anspringt, wenn man einen Namen eingibt und damit quasi nicht zu benutzen ist.
Wünschenswerte Features
Metadaten
Schade ist, dass die zugeordneten Gesichter separat in den Personen Alben getagged werden müssen, es werden also keine Metadaten über die Gesichter im Bild direkt in der Datei gespeichert, z.B. als EXIF, IPTC oder XMP. Andererseits wäre dabei die Frage, wie man das möglichst offen umsetzt, so dass andere Programm (zukünftig möglicherweise Digikam) verwenden können. Offen sollte nach Googles neuer Devise ja durchaus auch in ihrem Sinn sein. Und das speichern von 2 Pixelkoordinaten und einem Namen als Tag würde aus meiner Sicht sehr viel Sinn machen.
Personengruppen
In der aktuellen Version bietet Picasa leider keine Gruppen für die Personen. Aktuell habe ich ~350 Personen angelegt und das ist ohne Gruppen eine sehr unübersichtliche Sache. Etwas ausgelichen wird dies dadurch, dass die Suche beim Markieren über den Spitznamen ablaufen kann, den man als Zusatzinformation bei einer Person hinterlegen kann.
Gesichtszoom
Eine praktische Funktion gibt es im Zusammenhang mit den Gesichtern. Man erhält die Möglichkeit in der Übersicht entweder das komplette Bild oder nur den Bereich zu sehen, in welchem das Gesicht erkannt wurde. Also eine Zoom auf das Gesicht Funktion. Für die Personenalben schon nach kurzer Zeit eine unverzichtbare Funktion, um schnell das gesuchte Bild zu finden.
Negativfilter
Leider fehlt Picasa eine Negativfilterfunktion. Dies hat nichts explizit mit der Gesichtserkennung zu tun, aber würde ungemein helfen alle Gesichter zu finden, die man markieren will: ein Filter für Bilder ohne Tag/Gesicht. Aktuell ist es dadurch schwer sich nur Fotos anzeigen zu lassen, die eben keine Tags bzw. keine Gesichter markiert haben, zum Beispiel um das Taggen/Personen markieren nachzuholen, ohne die bereits durchgearbeiteten Bilder ebenfalls anzusehen.
Wünschenswerte Verbesserungen
Möglichkeit Personen in gezoomten Bildern zu markieren
Ist die Markierung von Personen auch jetzt schon nicht optimal, so ist auch störend aufgefallen, das man im Zoom-Modus keine Person markieren kann. Man muss sich also merken wo die Person war und dann in der 100% Darstellung den passenden Kasten setzen. Etwas unpraktisch.
Anzahl zu bestätigender Bilder
Picasa blendet ein kleines orangenes Icon neben der Person ein, für die es es zu bestätigende Bilder gibt. Diese Einträge in der Personen Liste nach oben kommen, wie es schon der Fall ist, sobald man ein Personen Album aufruft und dann runter scrollt (hierbei bleibt der geöffnete Eintrage dann auch oben und die Liste scrollt darunter durch).
Es wäre zu dem eine hilfreiche Information, wenn man neben dem orangenen Fragezeichen eine Anzahl gezeigt bekäme wieviele Gesichter zu bestätigen sind. Manchmal ist man sich vielleicht nicht sicher und lässt daher einen Vorschlag offen und ohne die Anzahl weiß man damit nie, ob es neue Vorschläge gibt.
Merken des Personenvorschlagsansicht
In den Personenalben kann man umschalten zwischen allen und zu bestätigenden Bildern. Grundsätzliche eine übersichtliche Funktion, es wäre aber gut, wenn sich Picasa merken würde, ob man nur die zu bestätigenden Bilder angezeigt bekommen möchte oder doch alle. Aktuell muss man im Personen Album immer wieder umschalten.
Gesichter automatisch zuordnen?
Nach einer Weile fragte ich mich, ob Picasa die gefundenen Gesichter nicht einfach automatisch als erkannt ansehen sollte, wenn man bei einer Person häufig genug bestätigt hat. Andererseits kann man sich ja nur die fraglichen Gesichter anzeigen lassen und “alle bestätigen” klicken bzw. die falschen verneinen und dann alle bestätigen. Die automatische Einsortierung wäre vermutlich mit mehr Korrigieraufwand verbunden und somit die unsicherere methode.
Möglicher Verlust der Gesichtsinformationen bei Netzlaufwerken
Einem groben Fehler in Picasa bin ich dann blöderweise auch noch über den Weg gelaufen. Damit wir beide auf die Bilder zugreifen können, liegen diese Zentral auf einem Fileserver. Nun ist es so, dass durchaus mal die Netzwerkverbindung flöten geht. Wenn Picasa zu dem Zeitpunkt läuft, hat es nichts bessere zu tun, als die Bilder des jeweilligen Laufwerkes aus der Datenbank zu werfen, so dass ein erneuter Scan notwendig ist. Leider finde ich grade den entsprechenden Hilfe-Eintrag in der Google Hilfe nicht, aber offensichtlich haben noch einige andere dieses Problem und ich hoffe es ist bald behoben.
Fazit
Wie man in einigen Abschnitten oben sehen kann, krankt Picasa noch an vielen kleinen Kinderkrankheiten. Diese betreffen aber glücklicherweise nur die Oberfläche. Die Gesichtserkennung an sich funktioniert aus meiner Sicht sogar besser als ich erwartet hätte. Würden die Vorschläge umgesetzt, die ich in diesem Artikel genannt habe, wäre ich vollendst begeistert, so seh ich es zwar noch immer positiv, merke aber, dass die Markierung der Personen teilweise umständlicher ist als sie sein müsste.